Beim Finale war jeder Zuhörer auch Juror (Rhein-Neckar-Zeitung)

Bis zum Schluss blieb der „Internationale Wettbewerb für Kammerchöre“ spannend – Beeindruckendes Finalkonzert in der Stiftskirche

Mosbach. Bis auf den letzten Platz gefüllt war am Samstagabend die Stiftskirche. Das Finale des „Internationalen Wettbewerbs für Kammerchöre“ zog trotz hochsommerlicher Temperaturen draußen hunderte Freunde des Chorgesangs an. Diese wurden nicht enttäuscht. Denn die drei Chöre, die es in die Endrunde gebracht hatten, boten nicht nur höchste Qualität. Sie präsentierten auch drei sehr unterschiedliche Auffassungen von Chormusik. Deutlich ablesbar bereits am Dirigat.
Feinsinnig und nuancenreich agierte Marta Mc Carthy (University of Guelph Chamber Singers). Voller Frische, dabei sehr klar in ihren weiten Bewegungen, dirigierte Anne Kohler (Kammerchor der Hochschule für Musik Detmold). Das Primat des Intellekts verkörperte Georg Grün (Kammerchor der Musikhochschule Mannheim), wirkte dabei mitunter verschlossen. Kein Wunder, dass Moderator Daniel Roos am Ende des Konzerts das Publikum nicht beneidete um seine Rolle als Co-Jury. Denn während Frieder Bernius und Marcus Creed, zwei herausragende Größen der Vokalmusik, die drei dotierten Preise vergaben, oblag es den Zuhörern, den Träger des Publikumspreises zu küren.
Die Kanadier begannen mit Thomas Tomkins (1572-1656) „When David Heard“. Sie becircten mit einem feinst ausbalancierten Wechselspiel der Stimmlagen. Der mit 25 Sängerinnen und Sängern kleinste Chor bot eine hochkultivierte Stimmführung. Emotion war hier das Produkt von Reflexion. Hochdramatisch setzten die „Chamber Singers“ das Pflichtstück um, „Un soir de neige“ von Francis Poulenc (1899-1963). Der Schnee wird hier zur Metapher für alles Lebenbedrohliche. Und gerade die filigrane Inszenierung der Kanadier machte das Existenzielle der Komposition deutlich. Mit dem Zeitgenossen Julian Wachner (geb. 1969) gelang nicht nur der Sprung in die Gegenwart. Kraftvoll ansteigende Sphärenklänge bot die „Planetenmusik“ rund um den Mond in blauer Nacht. Zum harmonischen Wohlklang des sehr komplex ausgerichteten Kammerchors gesellte sich mit „El Guayaboso“ (Der Lügner) von Guido Lopez- Gavilan (geb. 1944) ausgefeilte Rhythmik, wohldosierte lautmalerische Effekte sowie ein Quäntchen Humor.
Bereits optisch setzte der Detmolder Chor auf farbige Akzente im Schwarz der festlichen Roben. Voller Verve startete die 33-köpfige Sängerschar, präsentierte „Meine Schwester, liebe Braut“ von Melchior Franck (1580-1639) mit einem opulenten, kraftvollen Klangbild. Weit auf spreizte man das Repertoire, setzte auf die Kraft der Kontraste und ließ das surreal anmutende „Wiigenlied“ von Per Nörgard (geb. 1932) folgen. Fantasieworte wie „G’ganggali ging g’gang, g’gung g’gung“ erinnerten an die verzauberten Bremer Stadtmusikanten. Gedämpft wirkte die Dramatik im Pflichtstück, das eher nach weichem Neuschnee denn nach Lebensende klang. Fröhlich, pointiert, mit vorantreibendem Beat erklang „Die Gedanken sind frei“ in Oliver Gies (geb. 1973) aufpolierter A-Cappella-Version – inklusive Fußgestampfe. Murray Schafers (geb. 1933) magisches Potpourri mit schrillem Sirenenklang bildete den Ausklang.
Johannes Brahms (1833-1897), den Komponisten des Pflichtliedes der Vorrunde, hielt der Mannheimer Chor auch beim Finale die Treue. Mit viel Sinn fürs romantische Gepräge erklang „Vineta“. Eine 18-köpfige Auswahl brachte Claude le Jeunes (1528-1601) „Susanne un jour“ zu Gehör. Das gelang so komplex wie kompakt. Irrlichter und seltsame Chimären am winterlich leer gefegten Nachthimmel evozierten die Mannheimer im Poulenc-Stück. Mal nach Hexensabbat, dann wieder voller geflüsterter Wisperei erklang das „Stabat mater“ von V. Barkauskas (geb. 1962). Gewürzt mit asymmetrischen Einwürfen und finalem, in der Tiefe versinkenden Klang.
Während die Zuhörer gleich ihr Kreuz auf dem Wahlbogen anbringen mussten, blieb das Ergebnis der Jury biszumSonntagabend geheim. Erst auf der Konzertgala in der Alten Mälzerei wurden die Preisträger bekannt gegeben. Über den ersten Preis freuten sich die Detmolder. Silber erhielten die Mannheimer, Bronze die Kanadier. Das Publikum wählte ebenfalls den Kammerchor Detmold zum Primus.